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Familienanschlussvermittlung

Ganz selbstverständlich sitzt der kleine Constantin auf dem Schoß von „Tante“ Renate und schaut mit ihr sein Lieblings-Bilderbuch an. Mutter Kerstin steht, mit Zwillingsbruder Christian auf dem Arm, in der Küche und kocht Kaffee für die anschließende Unterhaltung. Doch ist dies nur scheinbar eine klassische Situation einer Großfamilie: Tante Renate und Mutter Kerstin kennen sich erst seit knapp eineinhalb Jahren. Sie lernten sich über den „Familienanschluss-Service“ des Mehrgenerationenhauses der AWO in Rosenheim kennen.

 „Das war ein Glückstag für uns, als Renate in unsere Familie kam“ meint Mutter Kerstin. Kerstin ist Mutter dreier Kinder und zog mit ihrem Mann vor einiger Zeit aus Dresden nach Oberbayern. Renate, von der hier die Rede ist, ist seit der Vermittlung durch den „Familienanschluss-Service“ regelmäßig bei der Familie zu Besuch ist.

Die Familie kam hierher, weil der Mann in München Arbeit fand und ihnen, als begeisterte Schifahrer, die Nähe zu den Bergen wichtig war. Als dann die Kinder kamen, Tochter Alexandra ist sieben und geht mittlerweile in die Schule, die Zwillinge Christian und Constantin sind 16 Monate alt, wurden Ratschläge, Unterstützung und Hilfe der leiblichen Großeltern im Familienalltag schmerzlich vermisst. „Gerade die Geburt der Zwillinge stellte mich vor ein großes Problem“ meint Kerstin. „Einkaufen gehen oder der Besuch eines Arztes: mit drei Kindern im Schlepptau ist das kein Spaß.“ Deshalb wendete sie sich noch vor der Geburt der Zwillinge hilfesuchend an Klaus Schindler im Mehrgenerationenhaus in Rosenheim. Hier existiert das Angebot des „Familienanschluss-Service“. Familien, die aus beruflichen oder sonstigen Gründen keine Großeltern haben, die im Bedarf mal helfen können, werden mit Senior/innen zusammen gebracht, die sich Kontakt mit Kindern wünschen und familiären Anschluss suchen.

Renate ist jemand, die gerne hilft. „Damit Sie mich richtig verstehen - mir ist nicht langweilig“, beginnt sie. „Aber ich bin gerne mit Kindern zusammen und wollte einfach helfen“, fährt sie fort. Renates Mann ist noch berufstätig, Garten und Haushalt sind schnell gemacht, und so wünschte sie sich eine sinnvolle, zu ihren Vorlieben passende Aufgabe und wurde im AWO-Mehrgenerationenhaus fündig. „Ich kann es mir selbst einteilen wann und wie oft ich vorbeikomme, das ist mir wichtig. Schließlich führe ich ja auch mein eigenes Leben.“ So funktioniert die Partnerschaft zwischen den Beteiligten – auch Renates Mann, Günther, war schon bei der Familie zu Besuch – sehr harmonisch. „Anfangs war ich schon etwas unsicher, aber schnell wurden wir uns sympathisch und wurden per Du.“

Kerstin freut sich, wenn sie Unterstützung bekommt. Wenn Renate aber mal keine Zeit hat, ist es auch in Ordnung. Wie bei richtigen Großeltern auch darf die Unterstützung nicht als Selbstverständlichkeit angesehen werden, sondern gehört abgesprochen und abgestimmt. „Wir verstehen uns gut und da ist das kein Problem“, meint die Mutter. Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen hätten Renate schon angesprochen, warum sie sich denn „das antue“: „Weil ich es gern mache“, sagt sie dann - und nimmt ihre Bekannten dann schon mal mit zu einem Kinderwagen-Ausflug mit den Zwillingen . „Manchmal beneiden mich die Leute dann um „meine“ Kinder. Wer mit Kindern umgehen kann und das gerne macht – für den gibt es doch nichts Schöneres.“

Durch die zunehmende Mobilität der Menschen werden viele Familien auseinandergerissen. Der Arbeitsmarkt fordert oftmals den Umzug des Arbeitnehmers dorthin, wo eben Arbeit ist. Zurück bleiben dann die Großeltern, die keine Möglichkeit mehr haben, ihre Enkel aufwachsen zu sehen oder eben Kinder, die ihre Omas und Opas nur mehr vom Telefon oder Foto her kennen. So schildert Mehrgenerationenhaus-Leiter Klaus Schindler eine leider nur allzu bekannte Tatsache. Deshalb bietet das AWO-Mehrgenerationenhaus den Familienanschluss-Service an.

„Wir halten den Kontakt zwischen den Altersgruppen für unbedingt notwendig, um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu erhalten. Außerdem sehen wir es als ein Grundbedürfnis vieler älterer Menschen an, Kinder zu erleben. Andererseits sollte das Aufwachsen mit Angehörigen der alten Generation jedem Kind ermöglicht werden“, so Schindler weiter. „Das Erfahrungswissen der Älteren ist doch ein Schatz für unsere Gesellschaft.“

Und es funktioniert: Alle Beteiligten haben die Möglichkeit, „ihre“ Familie bzw. „ihre“ Tante oder Onkel vorher kennenzulernen. Wo es nicht passt, hat jeder Partner auch die Möglichkeit, den Versuch wieder zu beenden. „Aber wir bemühen uns, möglichst passgenau zu vermitteln“, meint Schindler. Sowohl örtlich als auch bezüglich der jeweiligen Vorlieben versucht das Mehrgenerationenhaus, die idealen Partner zu finden. Eine Aufgabe haben, gebraucht zu werden und die Freude am Umgang mit Kindern sind laut Schindler die Beweggründe der Senioren. Für die Familien steht der Wunsch nach Großeltern für die Kinder und – wenn es passt – auch die Möglichkeit der Entlastung im Vordergrund. Die nachfragenden Familien sind weitaus in der Überzahl, weswegen Schindler hofft, dass sich zukünftig mehr ältere Menschen trauen, den „Familienanschluss-Service“ auszuprobieren. Derzeit sind im Mehrgenerationenhaus etwa 20 Familien, vorwiegend aus der Stadt Rosenheim, registriert und hoffen nun darauf, dass sich eine passende Tante oder ein Onkel, eine Oma oder ein Opa für sie finden lässt.

Das Beispiel von Kerstin, Christian, Constantin und Renate zeigt, dass es sich für alle lohnen kann.

Wer Interesse hat mitzumachen oder noch nähere Informationen zum Familienanschluss-Service erhalten will, kann sich bei Klaus Schindler im AWO-Mehrgenerationenhaus an der Ebersberger Straße, unter 08031 / 94137321 melden.


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